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„Das ewig Licht geht da herein, gibt der Welt ein‘ neuen Schein“

Predigt zur Christvesper 2015 in der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche in Frankfurt-Nordweststadt, mit Betrachtung des Bildes „Geburt Christi“ von Geertgen tot SintJans (um 1490)

Das Bild ist den ganzen Gottesdienst über im Kirchenraum zu sehen.

I.

Es ist dunkel geworden in der Nordweststadt.

Das Leben im Stadtteil ist zur Ruhe gekommen.

Die Autos stehen an ihrem Platz.

Die Geschenke sind eingepackt.

Die Weihnachtsgrüße geschrieben, oder auch nicht.

Familien kommen in ihren Wohnungen zusammen.

Zum Essen, zum Feiern.

Andere bleiben allein, der Fernseher läuft.

Auch einige unserer muslimischen Nachbarn

haben einen Weihnachtsbaum aufgestellt.

Aus den Wohnungen dringt Musik aus allen Ecken der Welt.

Über dem Feld steht ein runder, heller Mond,

als wollte er den Stern von Bethlehem übertrumpfen –

der erste Weihnachtsvollmond seit 39 Jahren.

Und wir jetzt hier in der Kirche:

erwartungsvoll, und mit Sehnsucht im Herzen.

Die Lichter am Weihnachtsbaum leuchten,

wenn auch ein wenig schwächer als sonst.

Die altbekannten Lieder im Ohr und auf den Lippen.

Die vertraute Weihnachtsgeschichte. Ein Lächeln.

Ruhe nach all der Hektik.

III.

Es ist dunkel geworden in Bethlehem.

Kaum jemand ist noch auf den Straßen zu sehen.

Aber die Häuser sind voll.

Manche platzen aus den Nähten.

So viele Menschen sind in den letzten Tagen hier angekommen.

Alles wegen der Volkszählung des Kaisers.

Selbst die aus morschen Brettern eilig

zusammen gebauten Notunterkünfte sind voll belegt.

Stimmengewirr ist hier und da zu hören,

das Weinen von Kindern, aber auch Lachen

und immer wieder Musik.

Aus den Fenstern dringt mattes Licht.

Über der Stadt steht seit Tagen ein leuchtender Stern.

Wer abends aus dem Haus tritt, schaut zuerst zum Himmel.

III.

Immer noch wirkt er, der Zauber von Weihnachten.

Aber in diesen Zauber mischen sich in diesem Jahr

Bilder, die wir kaum ausblenden können.

Bilder von Krieg und Zerstörung.

Von unzähligen Menschen auf der Flucht.

Von blindwütigem Terror, der fassungslos macht.

Sie  lassen die Geschichte von Weihnachten

aktueller erscheinen, denn je.

Der Statthalter von Syrien,  die Herbergssuche von Maria und Josef,

die Geburt des Kindes im Stall von Bethlehem,

die Weisen aus dem Morgenland, die ihre Schätze mitbringen,

die Flucht nach Ägypten –

all die Figuren der Weihnachtserzählung

verbinden sich ganz neu mit den vielen Menschen,

die zu uns kommen und bei uns Zuflucht suchen.

Plötzlich sind wir Bethlehem

und müssen Raum schaffen für die Ankommenden.

Und siehe da: es finden sich Unterkünfte,

auch wenn mancherorts notdürftig und mit Mühe.

Und es finden sich Menschen, die die Fremden

willkommen heißen und mit anpacken.

Sie zeigen denen,  die nur  mit Abwehr

oder gar mit Hass reagieren können, was möglich ist.

Keine Frage: Die Herausforderung ist nach wie vor groß,

aber es macht Mut zu sehen, wieviele sich nach wie vor

engagieren und mithelfen,  den Flüchtlingen das zu geben,

was sie jetzt brauchen, um gut hier anzukommen.

IV. Bildbetrachtung

Während in Bethlehem nach und nach die  Lichter ausgehen,

wird es in einem Stall am Rande der Stadt plötzlich ganz hell.

Zwar ist durch die Öffnung des Stalls hindurch

der schwarze Nachthimmel zu sehen.

Doch vor ihm schwebt leuchtend ein Engel.

Sein Glanz schreckt die Hirten und Schafe auf.

Wir kennen die Worte, die er zu ihnen spricht:

„Fürchtet euch nicht!

Nicht weit von euch ist Christus geboren.

Ein Kind in Windeln gewickelt,

und es liegt in einer Krippe.“

Man sieht, dass die Hirten sich erst wieder einkriegen müssen,

der Schreck sitzt ihnen noch in den Gliedern.

Aber sie werden losgehen und schauen.

Auch die jetzt noch abwartend-ängstlich am Feuer stehen,

werden sich ihnen anschließen.

 

Ich bin schon dort im Stall.

Auch hier war es bis vor kurzem noch dunkel,

doch jetzt ist der ganze Raum erfüllt

von einem klaren und zugleich wärmenden Licht.

Es ist das neugeborene Kind in dem Futtertrog,

das diesen kräftigen Lichtschein ausstrahlt nach allen Seiten.

Es ist ein kraftvolles, strahlendes Licht, das von ihm ausgeht.

Wie ein glühendes Bündel liegt es da.

Erleuchtet die Engel hinter ihm,

und das Gesicht und die Hände seiner Mutter.

Mit mildem Blick schaut Maria auf ihr Kind,

während Josef sich dezent, aber ehrfürchtig im Hintergrund hält,

Ochs und Esel haben sich sich hinter der Krippe niedergelassen.

Ich spüre den warmen Atem, den sie über dem Kind ausströmen. .

Eine wohltuende Stille erfüllt den ganzen Raum,

der in warmes, rötliches Licht getaucht ist.

V.

Auch hier in der Kirche ist es jetzt hell und warmgeworden

beim Betrachten dieses wunderbaren Bildes von der Geburt Christi.

Geertgen tot SintJans hat es um das Jahr 1490 herum gemalt,

Es ist die erste Darstellung der Heiligen Nacht überhaupt.

Und die Botschaft dieses Bildes ist klar:

Mit der Geburt des Kindes von Bethlehem

kommt das Licht in die Welt.

Es kommt dahin, wo es dunkel ist.

Und erleuchtet mit seinem Glanz die Nacht.

Blendend geradezu, glühend vor Liebe.

Jesus, das Licht der Welt.

Vom Maler beim Wort genommen.

Als hätte er den Vers von schon gekannt:

den Martin Luther 25 Jahre später gedichtet hat:

„Das ewig Licht geht da herein,

gibt der Welt ein neuen Schein,

es leucht‘ wohl mitten in der Nacht,

und uns des Lichtes Kinder macht.“

VI.

Da ist er wieder, der Zauber von Weihnachten.

Aber jetzt kann ich ihn auf einmal verbinden:

Mit den Bildern des Jahres,

die sich dazwischen schieben.

Mit meinen Dunkelheiten und Sorgen.

Und mit meiner Nacht.

Ich spüre: Das göttliche Licht scheint auch da herein.

In meine Traurigkeiten. In meine Ängste.

In Not und Elend, das wir heute erleben.

In die von Krieg und Terror gezeichnete Welt.

In die Albträume der Menschen, die davor geflohen sind.

In die Flüchtlingunterkünfte bei uns.

In die Gefängnisse. In die Krankenhäuser und Pflegeheime.

In die zerbrochenen Herzen von Menschen,

die keine Zukunft mehr für sich sehen.

 

Heute, in dieser Nacht,

scheint nicht nur der Vollmond vom Himmel herab.

Sondern hier unten, auf der Erde, strahlt noch ein anderes Licht.

Vom Himmel ist es zu uns herab gekommen, als ein Kind geboren.

In ihm leuchtet Gottes Liebe auf.

Heller und wärmender als das Feuer der Hirten.

Der Mond wird wieder abnehmen

nach den Weihnachtstagen,

der Stern von Bethlehem weiter ziehen.

Aber das göttliche Licht wird bleiben.

Es gibt der Welt einen neuen Schein

Es vertreibt die Angst.

Und verwandelt auch uns.

Es macht uns zu Kindern des Lichts.

Unser Herz wird weit und hell.

Auch unsere Gesichter leuchten.

Wir werden das Licht weitertragen.

An die Orte, wo es dunkel ist.

Zu den Menschen, die darauf warten.

 

Fürbitten (Hendrik Maskus)

Gott,
in dieser Nacht kommen wir an deine Krippe,
du hast uns gerufen und wir trauen uns in den Stall
in die Dunkelheiten der Welt
an die Ränder unseres Gesichtsfeldes
Unorte

Aber du hast diese Orte ins Licht gerückt,
verwandelt durch ein Kind
du hast der Welt ein Geheimnis anvertraut:
Fürchtet euch nicht!

Ref.: Weil Gott in tiefster Nacht erschienen
kann unsre Nacht nicht traurig sein

Gott,
in dieser Nacht kommen wir an deine Krippe,
folgen den Hirten, kommen in den Stall
erkennen uns fremde Menschen
unsere kleine Welt steht plötzlich Kopf
Was soll das?

Aber du hast diese Menschen ins Licht gerückt,
verwandelt durch ein Kind
du hast der Welt ein Geheimnis anvertraut:
Siehe ich bringe euch große Freude

Ref.: Weil Gott in tiefster Nacht erschienen
kann unsre Nacht nicht traurig sein

Gott,
in dieser Nacht kommen wir an deine Krippe,
du hast uns gerufen hören die Engel singen
vom Frieden gegen allen Anschein der Welt
von Rettung und Hoffnung
Messianische Zeiten

Ja, du hast dieses Kind ins Zentrum gerückt,
Menschlichkeit beginnt so klein
du hast der Welt ein Geheimnis anvertraut:
Meinen Frieden für diese Welt!

Ref.: Weil Gott in tiefster Nacht erschienen
kann unsre Nacht nicht traurig sein

Gott,
in dieser Nacht kommen wir an deine Krippe,
du hast uns gerufen, gibst dich ganz in diese Welt
in Freude und Leid
an Orte des Glücks und des Schreckens
kein Ort ist gottlos!

Ja, du hast in diesem Stall unter deinen Stern ge-stellt, alles verwandelt durch ein Kind
so lasst uns mit den Engeln jubeln und rufen
Ehre sei Gott in der Höhe

Ref.: Weil Gott in tiefster Nacht erschienen
kann unsre Nacht nicht ENDLOS sein

Gott,
in dieser Nacht kommen wir an deine Krippe,
du hast uns gerufen und wir trauen uns in den Stall
in die Dunkelheiten der Welt
an die Ränder unseres Gesichtsfeldes
Unorte

Aber du hast diese Orte ins Licht gerückt,
verwandelt durch ein Kind
du hast der Welt ein Geheimnis anvertraut:
Fürchtet euch nicht!

Ref.: Weil Gott in tiefster Nacht erschienen
kann unsre Nacht nicht traurig sein

 

Predigt über die Motette von Johannes Brahms

„Warum ist das Licht gegeben den Mühseligen“

I.

Liebe Gemeinde –

„ich bin am Ende, ich kann nicht mehr!“

Die Frau, die ich besuche,

redet schon über eine halbe Stunde lang auf mich ein.

Sie reiht eine Klage an die andere. Und fängt an zu weinen.

Über ihre Schwester, die kürzlich gestorben ist.

Über ihre zahlreichen Krankheiten.

Über die Ärzte, die sie nicht verstehen.

und die versuchen, sie so schnell wie möglich loszuwerden.

Über ihre Einsamkeit, die immer unerträglicher wird.

Und darüber, dass sie es nicht mehr aushält, das Leben.

 

Ich halte es auch kaum noch aus.

Ich kann kaum noch zuhören.

Versuche vergeblich einzuhaken.

Aber jede Frage, jeder Vorschlag

zieht einen Schwall von neuen Klagen nach sich.

Ich würde mich am liebsten verabschieden.

Ich weiß nicht, wie ich dieser Frau helfen kann, denke ich.

Aber sie braucht mich jetzt  als Klagemauer,

Und darum lasse ich sie weiter erzählen von ihrem Unglück.

Lasse es zu, dass sie mir ihre Frage entgegen schleudert:
Warum? Warum hilft mir keiner?

Und: warum bin  ich überhaupt noch am Leben?

Was soll ich überhaupt noch hier?

Ich spüre die ganze Last dieses Lebens.

Und versuche den Schmerz mit auszuhalten.

Nicht mehr, nicht weniger

 

II.

Warum bin ich jemals geboren worden?

Ein Mann sitzt zusammengekauert am Boden.

Sein Blick geht ins Leere, sein Gesicht ist kreidebleich.

Drei Freunde sitzen um ihn herum.

Sie erkennen ihn nicht wieder.

Bis vor wenigen Tagen noch schien er

der glücklichste Mensch der Welt zu sein.

Dann hat ihn ein Unglück nach dem anderen getroffen.

Sein Haus liegt in Trümmern, die Felder sind verwüstet.

Wo bis vor kurzem noch satte Kühe weideten,

frisch ausgehobene Gräber von Frau und Kindern.  

Sein Körper von Geschwüren übersät.

eine schwere Krankheit raubt ihm alle Kräfte,

Die Freunde sind gekommen, um mit ihm zu trauern.

Sieben Tage und Nächste sind sie jetzt schon bei ihm.

Haben bei ihm gesessen und geschwiegen.

Ihnen allen hat es die Sprache verschlagen.

Denn der Anblick des Elends lässt sie verstummen.

 

Jetzt aber öffnet der Mann seinen Mund.

Zum ersten Mal seit sieben Tagen und Nächten.

Hebt den Kopf ein wenig und fängt an zu reden,

erst leise, dann immer lauter und eindringlicher:

 

„Warum ist das Licht gegeben den Mühseligen und das Leben den betrübten Herzen?

Die auf den Tod warten, und er kommt nicht – und nach ihm suchen mehr als nach Schätzen;

die sich sehr freuten und fröhlich wären, wenn sie ein Grab bekämen –

dem Menschen, dessen Weg verborgen ist, dem Gott den Pfad ringsum verzäunt hat?

Denn wenn ich essen soll, muss ich seufzen, und mein Schreien fährt heraus wie Wasser.

Denn was ich gefürchtet habe, ist über mich gekommen,

und wovor mir graute, hat mich getroffen. Warum? Warum?

 

Chor: Warum ist das Licht gegeben den Mühseligen (Johannes Brahms)

Warum ist Licht gegeben dem Mühseligen und das Leben den betrübten Herzen? Warum?
Die des Todes warten und kommt nicht und grüben ihn wohl aus dem verborgenen;
die sich fast freuen und sind fröhlich, dass sie das Grab bekommen. Warum?
Und dem Manne des Weg verborgen ist, und Gott vor ihm denselben bedecket? Warum?

III.

Warum?

Eine schwere Frage. Eine schwere Musik.

Eine schwere  Geschichte,

an die sich Johannes Brahms da herangewagt hat.

Die Geschichte von Hiob, der nicht mehr leben will,

nachdem ihm alles genommen wurde.

Der sich nach dem Grab sehnt,

und sein Leben nur noch als Qual empfindet.

Kaum auszuhalten. So wie die Verzweiflung von Menschen,

die mich mit ihren Klagen manchmal an meine Grenze bringen.

Kaum auszuhalten. So wie das Elend in der Welt, an das uns die Vielen,

die seit Monaten zu uns kommen, erinnern: ob wir wollen oder nicht.

 

Warum ist das Licht gegeben den Mühseligen?

In der Musik von Brahms kommt mir, kommt uns

diese Frage beklemmend nah: die Frage nach dem Sinn, 

den Hiob, der von Schmerz geplagte Mensch,

nicht mehr sehen kann in seinem Leben.

Der ganze Raum wird ausgefüllt

von seinem immer wiederkehrenden Aufschrei „Warum“,

der im nächsten Moment verhallt.

Ungehört? Das bleibt offen… auf jeden Fall: unbeantwortet.

Denn es gibt keine Antwort, sondern nur ein Aushalten.

 

Wie komme ich, wie kommen wir heraus

aus der Schwere dieser Frage nach dem „Warum“?

Wie schaffen wir es, die endlose Klage abzuschütteln?

Uns nicht von ihr nicht mit runterziehen zu lassen in den Abgrund?

Das habe ich mich gefragt beim Nachdenken über diesen Gottesdienst.

Und in der Motette von Brahms eine Antwort darauf gefunden.

Der Komponist hat sich nämlich selber Verse dazu gesucht:

aus anderen Teilen der Bibel und aus dem Choralbuch.

Verse, von denen er dachte: die könnten ihn selbst

und uns, die Zuhörenden, wieder aufbauen.

Und die hat er der Klage Hiobs im Anschluss an diesen

schweren Eingangschor einfach entgegen gesetzt:

 

Zunächst ein kurzer Vers aus  2. Klagel. Jerem. 3,41

 

Chor:

Lasset uns unser Herz samt den Händen aufheben zu Gott im Himmel.

IV.

Herz und Hände erheben!

Mich zum Himmel, zu Gott hin ausrichten.

Mit meiner Verzweiflung, und meiner Verzweiflung zum Trotz.

Erheben: die entgegengesetzte Bewegung ist das

zu  dem schweren „Warum“, das nach unten zieht.

Im zweiten Teil der Motette von Brahms

spiegelt sich wider in einer wiegenden, langsam ansteigenden Melodie,

mit der eine Stimme nach der anderen einsetzt, wie im Kanon:

„Lasset uns unser Herz und Hände aufheben zu Gott im Himmel.“

So versucht Johannes Brahms in diesem kurzen Stück

aus dem Gefühl der Lähmung herauszuführen

in eine neue, zu Gott hin geöffnete Haltung hinein -

die gleiche Haltung übrigens,

zu der wir bei jedem Abendmahl aufgerufen werden.

„Lasset uns unser Herz und Hände aufheben zu Gott im Himmel.“

Diese Haltung, so scheint Brahms uns sagen zu wollen,

kann helfen, sich zu lösen von der Herz zerreißenden Klage Hiobs.

Sie  lässt uns leichter und ruhiger werden.

Und das unterstreicht er mit sanften, warmen Tönen, 

die sich zum Ende dieses kurzen Satzes immer mehr verdichten -

um einzustimmen auf das andere Bibelwort aus dem NT:

 

3. Jakobus 5,11

Siehe, wir preisen selig, die erduldet haben.
Die Geduld Hiob habt ihr gehöret,

und das Ende des Herrn habt ihr gesehen;
denn der Herr ist barmherzig und ein Erbarmer!

V.

Eine Seligpreisung aus dem Jakobusbrief.

Ein neuer,  anderer Blick auf das Leid:

nicht mehr die laute, verzweifelte Klage,

sondern ein großer Frieden leuchtet in diesen Worten und Tönen auf.

Hiob: jetzt einer, der es geschafft hat durchzuhalten.

Der in seinem Leiden eine Geduld bewiesen hat, 

die auch mir Kraft geben kann:

wenn ich Schmerzen leide, Schweres auszuhalten muss.

Genauso wie Jesus am Kreuz –  der geschrien hat wie Hiob:

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ –

aber der am Ende auch sagen konnte: „Es ist vollbracht.“

 

Eines Tages wirst du das auch sagen können.

Eines Tages wird auch dein Schmerz,

der dich hin und wieder „Warum“ schreien lässt, überwunden sein. 

Auch der Schmerz der Frau, von der ich am Anfang erzählte,

die nur noch klagen und seufzen kann.

Und das unermessliche Leid der vielen Geflüchteten,

die die Hölle erlebt und durchgemacht haben.

 

Auch die schlimmsten Qualen werden einmal vorbei sein –

„denn Gott ist barmherzig und ein Erbarmer.“

Diese Hoffnung hat selbst Hiob nicht aufgegeben.

Er ist es sogar selbst, der in den langen Gesprächen mit seinen Freunden,

die nach dem einwöchigen Schweigen dann doch in Gang kommen,

irgendwann plötzlich ausruft: „Ich weiß, dass  mein Erlöser lebt!“

„Goel“ steht da: das hebräische Wort, das Luther mit  „Erlöser“ übersetzt,

bedeutet eigentlich: „Anwalt“. Ich weiß, dass mein Anwalt lebt!

Fast trotzig klammert sich Hiob an diese Hoffnung:

es gibt da einen, der für mich eintreten wird vor Gott!

Und er nimmt damit etwas vorweg von der Hoffnung,

die wir als Christen mit Jesus Christus verbinden. 

Ja, keine Frage: genau diese Bedeutung ist es,

die Jesus Christus für uns hat:

als unser Anwalt, der für uns einsteht, mit Haut und Haaren;

der selber die tiefste Verzweiflung,

die einen Menschen überkommen kann,  kennen gelernt hat

Und von dem wir zugleich glauben,

dass er diese Verzweiflung überwunden

und die Tür zu einer neuen Zukunft aufgestoßen hat:

wo alle Qual ein Ende haben wird,

und in tiefen Frieden und helle Freude verwandelt werden wird.

 

Weil Johannes Brahms diese Hoffnung teilen,

weil er sie für sich selber in Anspruch nehmen will,

darum ist es nur folgerichtig, dass seine Motette am Ende in den Choral mündet,

den Martin Luther in Anlehnung an den Lobgesang des Simeon gedichtet hat:

des alten Propheten, der im Tempel das neugeborene Jesuskind auf den Arm nimmt,

Gott dafür dankt und zu ihm sagt: „Jetzt kann ich getrost sterben,

denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen.“

 

4. Choral: Martin Luther nach dem Lobgesang des Simeon

Mit Fried und Freud ich fahr dahin, in Gottes willen,
getrost ist mir mein Herz und Sinn, sanft und stille.
Wie Gott mir verheißen hat, der Tod ist mir Schlaf worden.

Predigt: Matthäus 5, 38-48

Liebe Gemeinde,

ein Text aus der Bergpredigt ist heute mal wieder dran: „Du sollst deine Feinde lieben“ – Oje! höre ich mich und andere sagen: ein Text für Träumer und Gutmenschen. Tauglich für ein Leben hinter Klostermauern vielleicht. Aber nicht für unsere Welt. Schon gar nicht die, die wir zur Zeit erleben: wo die Wellen hochschlagen und das Klima bei uns immer schwieriger wird.

Manche geraten ja schon damit an ihre Grenze, Nächstenliebe zu zeigen in Zeiten der "Flüchtlingskrise": denen, die zu uns kommen, menschlich zu begegnen, oder wenigstens den Vielen, die gerne helfen, Respekt entgegen zu bringen. Im Gegenteil: ihr Hass auf alles Fremde schlägt immer mehr um in Gewalt. Brennende Flüchtlingsheime im Land. Angriffe auf Politikerinnen, Drohungen gegen Menschen, die weiterhin helfen wollen…

Trotzdem zeigen weiterhin beeindruckend viele landauf, landein, wie es gehen kann. Sie bringen sich ein, packen mit an – und geben damit  ein ermutigendes Beispiel von Nächstenliebe Dennoch: das Klima ist rauer geworden, die Stimmung im Land aggressiver, die Angst vor dem Fremden größer – und das ist Grund zur Beunruhigung. Wer jetzt Öl ins Feuer gießt, weiß was er tut! In dieser Situation macht das Jesuswort aus der Bergpredigt doppelt nachdenklich. Nicht nur deinen Nächsten, nicht nur den Fremden – nein: auch und sogar deinen Feinden sollst du Liebe entgegenbringen, sagt Jesus.

Du sollst deine Feinde lieben: Geht das nicht wirklich zu weit. Gut - dass man nach Möglichkeit nicht sofort mit gleichen Mitteln zurückschlagen soll, wenn man angegriffen wird, das leuchtet uns vielleicht noch ein. Wobei das „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ in der Hebräischen Bibel, das viele von uns als „jüdisches Rachegesetz“ vermittelt bekommen haben, in Wirklichkeit damals sogar ein Fortschritt war! Weil es bedeutete: du darfst deinem Gegner nicht mehr Schaden zufügen, als er dir zugefügt hat. Also: Begrenzung des Strafmaßes statt blinde Rache, das war die ursprüngliche Absicht dieses Gebotes.

Aber nun setzt Jesus in der Bergpredigt noch eins drauf und sagst:  Das ist nicht genug. Sondern du sollst deine Feinde lieben!  Du sollst dem Übel nicht widerstreben, also: dem Bösen, das dir angetan wird, keinen Widerstand entgegensetzen. Du sollst im Gegenteil sogar dem, der dich schlägt, auch noch die andere Backe hinhalten:  hier, bitteschön, schlag nochmal zu!

Das kann du doch nicht ernsthaft von uns verlangen, Jesus. Auch wenn du selber so gehandelt hast, dich selbst nicht gewehrt hast, alles Unrecht ertragen und auf dich genommen hast:  wir kriegen das beim besten Willen nicht hin. Wir schaffen das nicht.  Und ehrlich gesagt: wem wäre damit geholfen? Es würde ja bedeuten, den Fanatikern und Menschenfeinden das Feld zu überlassen. Ob es sich nun um Nazis handelt, die Flüchtlingsunterkünfte angreifen und helfende Menschen bedrohen, oder um selbsternannte Gotteskrieger in Syrien oder Irak: wir können doch nicht tatenlos zusehen, wenn die Menschlichkeit unter die Räder kommt. Wir müssen doch, wie Dietrich Bonhoeffer in seiner Zeit einmal sagte, „dem Rad in die Speichen greifen, statt nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden“. Und das heißt doch wohl: dem Übel widerstehen, so gut es eben möglich ist.

Letzten Sonntag hat Navid Kermani, der diesjährige Friedenspreisträgers des Deutschen Buchhandels, in der Paulskirche eine bewegende Rede gehalten, die mich bis heute nicht loslässt. Sie drehte sich im Grunde von Anfang bis Ende um das Thema Feindesliebe, sie war ein Ringen damit.

Der Sohn iranischer Einwanderer sprach über den Niedergang der Islamischen Hochkultur durch den Terror des IS, der in Syrien und im Irak wütet,und zwar gegen Christen und Muslime gleichermaßen. Er sprach über Notwendigkeit von Selbstkritik, zu der Angehörige jeder Religion und Kultur fähig sein müssten. Und über seine Trauer darüber,  dass alle bedeutsamen Stätten eines einstmals toleranten Islam inzwischen von IS-Kämpfern dem Boden gleichgemacht wurden.  Kermanis Aufzählung der sich systematisch steigernden Greueltaten  mündete in die Forderung, dem nicht länger zuzuschauen: einen vorsichtigen, aber dennoch nachdrücklicher Appell, dem Rad in die Speichen zu greifen.

Dennoch scheint der Muslim Kermani auch an die Kraft einer Liebe zu glauben, die der von Jesus geforderten Feindesliebe zumindest nahe kommt. In der gleichen Rede erzählte er von einem katholischen Pater, den er vor zwei Jahren auf einer Reise durch das bereits kriegsgeschüttelte Syrien kennengelernt hat.  Er leitete, so Kermani, „eine wohl einzigartige christliche Gemeinschaft, die sich der Begegnung mit dem Islam und der Liebe zu den Muslimen verschrieben hat.“  „So gewissenhaft die Nonnen und Mönche die Gebote und Rituale ihrer eigenen, katholischen Kirche befolgen“, erzählt Kermani, „so ernsthaft beschäftigen sie sich mit dem Islam und nehmen bis hin zum Ramadan teil an der muslimischen Tradition. „Das klingt verrückt, ja, aberwitzig“, sagt er selbst: „Christen, die sich nach ihren eigenen Worten in den Islam verliebt haben. Und doch war diese christlich-muslimische Liebe noch vor kurzem Wirklichkeit in Syrien und ist es in den Herzen vieler Syrer noch immer. Mit ihrer Hände Arbeit, ihrer Herzen Güte und ihrer Seelen Gebete schufen die Nonnen und Mönche einen Ort, der mir utopisch anmutete und für sie selbst nichts Geringeres  als die endzeitliche Versöhnung – sie würden nicht sagen: vorwegnahm, aber doch vorausfühlte: in Steinkloster aus dem siebten Jahrhundert mitten in der überwältigenden Einsamkeit des syrischen Wüstengebirges, das von Christen aus aller Welt besucht wurde, an dem jedoch zahlreicher noch Tag für Tag Dutzende, Hunderte arabische Muslime anklopften, um ihren christlichen Geschwistern zu begegnen, um mit ihnen zu reden, zu singen, zu schweigen und auch, um in einer bilderlosen Ecke der Kirche nach ihrem eigenen, islamischen Ritus zu beten“.

Mich hat die Schilderung dieses Klosters sehr beeindruckt. Mitten in einer Situation, in der ein blutiger Krieg ein ganzes Land und ein zerrissenes Volk in den Abgrund stürzt, ist es an diesem einen Ort  wenigstens für eine Weile „gelungen, den Frieden, auch den konfessionellen Frieden, zu bewahren“. Menschen unterschiedlicher Religionen, die eigentlich hätten verfeindet sein müssen, lebten dort in geradezu geschwisterlicher Eintracht zusammen. Maßgeblich dem stillen, ernsten Pater Jacques, so Kermani, sei es zu verdanken, „dass sich die verschiedenen Gruppen und Milizen, manche regierungsnah, manche oppositionell, darauf einigten, aus dem Städtchen alle schweren Waffen zu verbannen.“

Leider ist dieses Beispiel zumindest ansatzweise gelungener  „Feindesliebe“ inzwischen auch unter die Räder des Krieges geraten. Die ausländischen Mitglieder der Gemeinschaft, so berichtet Kermani, „mussten Syrien verlassen und fanden Zuflucht im Nordirak. Zurück blieben nur die sieben syrischen Mönche und Nonnen, die sich auf die beiden Klöster Mar Musa und Mar Elian verteilten. Ständig verschoben sich die Fronten, so dass in dem Ort mal der Staat, mal oppositionelle Milizen herrschten. Mit beiden Seiten mussten sich die Mönche und Nonnen arrangieren und dazu wie alle Bewohner die Luftangriffe überleben, wenn die Kleinstadt gerade in den Händen der Opposition war. Dann aber drang der „Islamische Staat“ immer weiter ins syrische Kerngebiet vor.“

Wenige Tage später wurde Pater Jaques von den Terroristen entführt.  Am Tag nach der Entführung aber, so berichtet Kermani, „strömten die Muslime von Qaryatein ungefragt in die Kirche und beteten für ihren Pater Jacques. Zwei Monate nach der Entführung von Pater Jacques, am 28. Juli 2015, hat der „Islamische Staat“ die Kleinstadt Qaryatein eingenommen. Die meisten Bewohner konnten im letzten Augenblick fliehen, aber zweihundert Christen wurden vom IS entführt. Einen weiteren Monat später, am 21. August, wurde das Kloster Mar Elian mit Bulldozern zerstört. Trauriges Ende also einer eindrucksvollen Experiments der Feindesliebe?

Navid Kermani möchte die Hoffnung nicht aufgeben. Es gibt immer Hoffnung“, sagt er und fährt fort: „Ich hatte diese Rede bereits geschrieben, als mich vor fünf Tagen, am Dienstag, die Nachricht erreichte: Pater Jacques Mourad ist frei. Bewohner des Städtchens Qaryatein haben ihm zur Flucht aus seiner Zelle verholfen und mit Hilfe von Beduinen aus dem Gebiet des „Islamischen Staates“ geschafft. Inzwischen ist er zur Gemeinschaft von Mar Musa zurückgekehrt. Offenbar waren zahlreiche Menschen an der Befreiung beteiligt, sie alle Muslime, und jeder einzelne von ihnen hat sein Leben für einen christlichen Priester riskiert.“ „Die Liebe, so kommentiert Kermani dieses Ereignis, hat über die Grenzen der Religionen, Ethnien und Kulturen hinaus gewirkt.“ Dieses Beispiel, so beschwört Kermani seine Zuhörenden am Schluss, muss auch uns Hoffnung geben – auch wenn die Sorge um das Leben der 200 anderen Christen diese Hoffnung überschattet.

Eine Liebe, die über die Grenzen der Religionen, Ethnien und Kulturen hinaus wirkt: Liebe Gemeinde, könnte es sein, dass das die Form der „Feindesliebe“ ist, die Jesus heute von uns erwartet – und die es jetzt auch hier in unserem Land zu bezeugen gilt? Könnte es sein, dass wir die Chance und die Aufgabe haben, das Beispiel von Pater Jaques und seinem Kloster weiterzuführen? Zu zeigen, dass es möglich ist, wenigstens hier bei uns: in Frieden miteinander zu leben, auch wenn wir noch so verschieden sind?

Jesus jedenfalls ruft dazu auf, unser Herz zu öffnen und weit zu machen gerade für die, zu denen es uns am schwersten fällt, die mir am fremdesten sind, die sich am meisten von mir unterscheiden. "Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner?  Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid,  was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Heiden?"

Liebe, die über die Grenzen der Religionen, Ethnien und Kulturen hinaus wirkt – damit habe ich persönlich wohl kein Problem.  Liebe zu denen, die sich genau damit schwer tun – das kriege ich mit einiger Mühe vielleicht auch hin und wieder noch hin.  Liebe zu denen, die gegen Flüchtlinge hetzen, und die beschimpfen und bedrohen, die sich für sie einsetzen: da wird es schon schwieriger. Aber Liebe zu denen, die Häuser anzünden und Menschen angreifen, die alles auslöschen, was nicht in ihr  Weltbild passt, die Orte des Friedens und der Vielfalt, wie das Kloster von Pater Jaques und seinen Mitbrüdern und Mitschwestern, dem Erdboden gleichmachen – wie soll das aussehen? Der Gedanke einer Kollegin, mit der ich austauschte, hat mir ein wenig weitergeholfen. Sie meinte: Das, was ich wirklich tun kann, ist das Gebet: "Bitte für deine Feinde ... Feinde, Terroristen, Täter aller Art haben es bitter nötig, dass wir für sie beten. FÜR sie - NICHT GEGEN sie.“ Vielleicht hat sie recht.

Du sollst deine Feinde lieben – lieber Jesus, es bleibt dabei, trotzdem:  dein Gebot bleibt für mich eine eigentlich unerfüllbare Zumutung,  auch und gerade in unserer derzeit so angespannten Situation.

Gut, dass ich es nicht schaffen muss, denke ich. Gut, dass es du es für mich, für uns geschafft hast.  Und gut, dass du es weiter hoch hältst, gegen jede Vernunft.  Gut, dass deine Liebe mir und anderen Mut macht,  trotz allem Hass immer wieder Wege der Versöhnung zu suchen. Und gut, dass es so ermutigende Beispiele gibt,  wie das von Pater Jaques und seiner interreligiösen Klostergemeinschaft:  die zwar von Barbaren zerstört worden ist, aber als Beispiel und Vorschein dessen, was möglich ist, in meinen Träumen, in meinem Herzen weiterlebt.

 

Ulrich Schaffert, 25.10.2015

Predigt: Sorget nicht (Matthäus 6, 25-33)

Liebe Gemeinde,

„Sorget nicht!“

Was könnte es für ein besseres Motto

für die Einführung eines Kirchenvorstandes geben.

Im Evangelium zum heutigen Sonntag

wird uns, wird euch als Kirchenvorstand

also nicht zuerst gesagt, was da alles

an Aufgaben und Schwierigkeiten wartet.

Sondern da kriegen wir erst mal so etwas wie

ein Rundum-Sorglos-Paket angeboten.

 

Sorgt euch nicht.

Macht euch keinen Stress!

Macht euch keine Gedanken,

ob und wie ihr das alles schafft.

Denn Sorgen sind wie dunkle, schwere Wolken,

die das Leben verdunkeln und  erdrücken.

 

Die Frage ist,

ob man sie einfach so locker wegschieben kann,

wie Jesus das hier tut.

Ein Philosoph des letzten Jahrhunderts,

Martin Heidegger, hat die Sorge als die

Grundbestimmung der menschlichen Existenz bezeichnet.

Zum Menschsein, so sagt er, gehört es, sich Sorgen zu machen.

Und in der Tat: es gibt wohl niemanden heute hier,

der oder die ohne Sorgen wäre, oder?

 

Jesus aber will nicht, dass wir uns sorgen.

Und wenn wir noch so viel Grund dazu haben:

Jesus sagt: Sorgt euch nicht um euer Leben!

Zerbrecht euch nicht den Kopf über das,

was morgen sein wird oder sein könnte.

Beschwert euch nicht mit dem unnötigen Ballast

von sorgenvollen Gedanken um die Zukunft.

Denn jeder Tag hat seine eigene Mühe und Plage.

Die Sorge und Mühe eines Tages – das reicht.

Mehr sollst du dir nicht antun.

Mehr sollst du dir nicht aufladen.

 

Klingt gut. Aber ist nicht so einfach, oder?

 

Manchmal wache ich morgens auf,

bevorzugte Zeit so zwischen 4 und 5 Uhr.

Tausend Gedanken gehen mir durch den Kopf.

Welche Probleme mich am nächsten Tag erwarten.

Was ich alles zu erledigen habe in nächster Zeit.

Was ich schon längst erledigt haben wollte.

Da gibt es Dinge, die ich einfach nicht wegschieben kann.

Arbeit, die bewältigt werden muss

und sich nicht von selbst erledigt.

Fragen, die gelöst  werden müssen,

damit mir die Sorgen nicht über den Kopf wachsen…

 

Ist es trotzdem möglich,

mein Leben nicht von der Sorge bestimmen zu lassen?

 

Ja, sagt Jesus, und er verrät auch, wie:

Nämlich indem du deine Blickrichtung änderst.

Indem du den Blick auf etwas anderes richtest:

Weg vom Morgen, hin auf das Heute,

weg von deiner to-do-Liste  für die nächsten 3 Wochen

hin auf diesen Tag - auf diesen Augenblick hier und jetzt.

Weg von den Sorgen, hin zu dem,

was außer ihnen auch noch da ist:

ja, was einfach da ist und lebt.

Und durch sein bloßes Dasein etwas vermittelt

von Schönheit und Leichtigkeit.

 

Schaut die Vögel unter dem Himmel an.

Sie säen nicht. Sie ernten nicht.

Und euer Vater ernährt sie doch.

Und schaut euch die Lilien auf dem Feld an,

wie sie wachsen.

Wie schön sie gekleidet sind, ohne irgendetwas zu tun.

Nehmt euch diese Beispiele aus der Natur zum Vorbild,

und ihr werdet das Leben neu spüren,

und die Sorgen werden zwar vielleicht nicht verschwinden,

aber in den Hintergrund treten.

 

Schaut die Vögel unter dem Himmel an.

Ein Bild ist mir plötzlich eingefallen,

eine Erinnerung, von dem Tag,  als wir die

Grundsteinlegung für unser neues Haus gefeiert haben.

Mit einer Prozession sind wir an diesem Tag

von der Kirche zum Eingang der neuen KiTa gezogen,

und während dieses Weges geschah es:

Kraniche zogen mit ihren eindringlichen Schreien

und in ihrer faszinierenden V-Formation

am blauen Himmel direkt über uns hinweg.

Was für ein schönes Zeichen, dachte ich damals

und denke ich heute.

 

Seht die Vögel unter dem Himmel!

Dort oben fliegen sie, und haben noch einen weiten Weg vor sich.

Und doch machen sie sich keine Sorgen.

Sie kennen ihr Ziel und sie verlassen sich darauf,

dass sie an ihren Rastplätzen Nahrung für ihren Weiterflug finden.

Sie verlassen sich darauf, dass Gott für sie sorgen wird.

 

Und seht die Lilien auf dem Feld.

Seht die Sonnenblumen, die prächtigen Dahlien.

Wie sie wachsen ganz von selbst

und wie schön sie gekleidet sind.

Ein kleiner Spaziergang,

eine Runde mit dem Fahrrad,

ein Sonntag im Garten erinnern mich wieder daran:

nicht alles im Leben hängt von meinem/

von unserem Tun und Sorgen ab.

 

Klar, die Sorgen bleiben trotzdem.

Sie verschwinden nicht einfach.

Sie holen uns immer wieder ein.

Ob ich gesund bleibe, und wie es mir gehen wird, wenn ich alt bin?

Ob ich in der Schule alles schaffen werde?

Ob wir das mit den vielen Flüchtlingen in Deutschland

und in Europa wirklich alles gut hinkriegen?

 

Und bezogen auf unserer Gemeinde und den neuen Kirchenvorstand:
Ob wir der Verantwortung gewachsen sein werden,

die wir für den großen Kindergarten übernommen haben?

Ob die vielen Baumängel am neuen Gebäude

irgendwann endlich mal beseitigt sein werden?

(die erledigen sich nämlich leider nicht von selbst!)

Ob und wie lange wir noch die Kirche erhalten können,

und wie es weiter geht, wenn wir in absehbarer Zeit

nur noch eine halbe Pfarrstelle haben werden?

Das sind alle nicht gerade kleine Sorgen, die den neuen

Kirchenvorstand in die kommende Amtszeit begleiten.

Jesus aber stellt ihnen allen heute

den entlastenden Zuruf voran: Sorget nicht!

Gott wird für euch sorgen, so wie für diese Vögel am Himmel.

Denkt an die Kraniche, die bei der Grundsteinlegung

über euren Kindergarten gezogen sind.

Vertraut wie sie darauf, dass Gott euch im richtigen Moment

die notwendige Kraft zukommen lässt für alles,

was ihr zu bewältigen habt:

in der Gemeinde, in eurem persönlichen Leben

und auch im Blick auf die gegenwärtigen

gesellschaftlichen Herausforderungen.

 

Schaut auf die Lilien, die Sonnenblumen, die Dahlien –

holt euch Kraft aus der Schönheit der Schöpfung,

Trotz aller Sorgen, die euch von Zeit zu Zeit einholen, 

könnt ihr euch freuen an ihrem Dasein,

und euch von ihr daran erinnern lassen,

dass ihr nicht alles selber schaffen müsst.

Gott wird für euch sorgen.

Das sagt Jesus zu uns, auch heute.

Das gilt für jeden und jede von uns ganz persönlich.

Und das gilt für unseren neuen Wegabschnitt

als Kirchenvorstand und als Gemeinde.

 

Und dann gibt es da ja auch noch diese Zusage Jesu:

Trachtet zuerst nach Gottes Reich und seiner Gerechtigkeit,

dann wird euch alles andere zufallen.

Ich denke noch einmal an die Kraniche,

die bei ihrem Zug in den Süden ein klares Ziel vor Augen haben

So wie für sie, geht es auch für uns darum,

das Ziel, zu dem wir unterwegs sind,

nicht aus den Augen zu verlieren:

Reich Gottes nennt es die Bibel –

ein Leben in Liebe und Vertrauen,

eine neue Welt, in der es gerecht zugeht.

Wer dieses große Ziel im Herzen hat,

braucht keine Angst zu haben, zu kurz zu kommen.

Dem oder der wird alles andere zufallen.

Darauf können wir uns verlassen.

 

Ich schließe mit einem Gebet von Huub Oosterhuis,

das uns auf diese Verheißung ausrichten will: 

Wir haben ein Ziel, das vorausliegt,

wir spielen uns ein auf deine Zukunft, Gott.

Wir sagen und singen:

Alles ist gut, was du gemacht hast.

Mühselig, langsam, in Hoffnung und Furcht

gestalten wir deine Verheißung aus,

bauen wir an der Stadt des Friedens,

an der neuen Schöpfung,

wo du uns Licht bist, alles in allem.

Gib uns die Kraft dazu, bring uns an ein glückliches Ende.

 

4. nach Trinitatis: Richtet nicht

Liebe Gemeinde –

 

Peinlich. Wie kann man nur!

Mir würde so etwas nie passieren!

 

Manchmal bin ich schnell mit meinen Urteilen über andere.

Der kann’s halt nicht.

Die tritt in jedes Fettnäpfchen, das man ihr hinstellt.

Was, schon wieder den Schlüssel verlegt?

Wie läuft der denn rum?!

 

Manchmal sind andere schnell.

Schnell mit ihren Urteilen – über mich.

Manchmal sind wir alle

knallhart und kompromisslos,

wenn jemand in einer wichtigen Situation versagt,

am leeren Tor vorbei geschossen,

dem Druck nicht standgehalten hat.

 

Und kaum Gnade kennen wir oft mit denen,

die  ihr Leben insgesamt nicht hinkriegen:

die abgerutscht sind, kriminell geworden,

oder psychisch durchgeknallt.

 

Heute hören wir dazu Worte, die deutlich anders klingen:

 

36 Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

37 Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet.

Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt.

Vergebt, so wird euch vergeben.

38 Gebt, so wird euch gegeben.

Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß

wird man in euren Schoß geben;

denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt,

wird man euch wieder messen.

39 Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis:

Kann auch ein Blinder einem Blinden den Weg weisen?

Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen?

40 Der Jünger steht nicht über dem Meister;

wenn er vollkommen ist, so ist er wie sein Meister.

41 Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge

und den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr?

42 Wie kannst du sagen zu deinem Bruder:

Halt still, Bruder, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen,

und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge?

Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge

und sieh dann zu, dass du den Splitter

aus deines Bruders Auge ziehst!

 

Seid barmherzig, richtet nicht. Und verdammt nicht.

Für mich sind diese Worte wie ein Stoppsignal.

 

Denn wie oft ertappe ich mich dabei,

dass ich Menschen bewerte, beurteile und verurteile.

Mich auf ihre Fehler und Schwächen stürze,

die mir bei anderen natürlich sofort ins Auge springen.

In Rage gerate, weil ich mir fremde und unverständliche

Verhaltensweisen übel nehme und persönlich nehme.

 

Hin und wieder ist mein Ärger vielleicht ja auch berechtigt.

Aber oft genug schieße ich auch über das Ziel hinaus.

Tue Menschen vielleicht auch Unrecht,  

weil es nur eine Momentaufnahme war, die ich erlebt habe.

Und vergesse komplett, dass ich ja vielleicht auch meine Macken habe.

 

Plötzlich finde ich mich ganz unversehens bei denen wieder,

die sich das Maul zerreißen darüber, was jemand falsch gemacht hat.

Die dem Finger auf andere zeigen,

oder hinter vorgehaltener Hand über den spleenigen Nachbarn herziehen.

Die sich über Menschen aufregen, lustig machen, oder über sie lästern,

die ihrer Meinung nach völlig unfähig sind.

 

Erst wenn dann mal wieder ein „shitstorm“ niedergeht im Internet – zigtausende „User“ Spott, Haß und Häme ausschütten über eine kritisierte oder zu Fall gekommene Person,  von der sich alle einig sind: die ist schuld, der hat’s verbockt! – dann fängst du vielleicht an nachdenklich zu werden und zu erschrecken: Nein, da möchte ich dann lieber doch nicht mitmachen…

 

Ich denke, wir haben Grund,  besonders gut hinzuhören auf das, was Jesus sagt:

 „Seid barmherzig, richtet nicht!“

Ja, mir wird klar beim Hören dieser Worte,

wie gnadenlos unbarmherzig unsere Gesellschaft heute oft ist.

Gerade das Internet ist ein Tummelplatz für Leute geworden,

die im Schutzraum der Anonymität  hemmungslos über andere herfallen

und kein Erbarmen mehr kennen:

 

Da werden Mitschülerinnen und Mitschüler gemobbt,  

weil sie nicht mithalten können, oder nicht mitmachen bei bestimmten Sachen.

Da werden Minderheiten auf übelste Weise beschimpft,

da werden Menschen in Sippenhaft genommen werden für das Unglück,

das ein Mitglied ihrer Familie angerichtet hat

(ich denke an die Eltern des Kopiloten, 

der vor einigen Monaten das Flugzeug zum Absturz gebracht hat)  -

das Netz ist voll von solchen Formen des Richtens,

die schon an Hinrichtung grenzen.

 

Und daraus speist sich dann auch ein Volk, das vor Flüchtlingsheimen aufmarschiert und behauptet, das christliche Abendland zu verteidigen, indem es Stimmung macht gegen Menschen, die bei uns Zuflucht suchen oder anders glauben und leben als wir.

 

Mit denen, ich sage es ehrlich, fällt es mir ebenso schwer,  barmherzig zu sein, wie mit den barbarischen Gotteskriegern, die gestern wieder an mehreren Orten grausam zugeschlagen haben: weil sie beide Barmherzigkeit mit Füßen treten.  Ich weiß auch nicht, ob ich es fertig bringen würde, dem rassistischen Mörder, der in einer Kirche in den USA  während einer Bibelstunde mehrere Menschen erschossen hat, als Angehöriger schon ein paar Tage später sagen zu können:  „Du hast mir/uns einen großen Schmerz zugefügt, aber ich vergebe dir“. Puh – mir lief ein Schauer über den Rücken, als ich das sah! Aber ich habe höchste Achtung davor, wenn Menschen, die selber von tödlichem Hass betroffen sind, tatsächlich in der Lage sind, sich auch in dieser extremen Situation an die Botschaft Jesu zu halten und zu erinnern.

Wie gesagt, ich weiß nicht, ob ich es könnte. Trotzdem bin ich, und sind wir alle aufgefordert, uns als Christinnen und Christen auf die alte Tugend  der Barmherzigkeit  zu besinnen.

 

Jesus erinnert uns daran: Es ist nicht unsere Barmherzigkeit,   sondern Gottes Barmherzigkeit, auf die wir dabei schauen sollen. „Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist“, sagt Jesus. Also: weil Gott barmherzig ist mit uns, darum können wir mit anderen barmherzig sein.

 

Diese Reihenfolge ist so wichtig! Sie erlaubt uns nämlich,  erst einmal mit uns selbst barmherzig zu sein – was uns doch oft sehr schwer fällt. Denn wie oft gehen wir mit uns selber hart ins Gericht, wie schwer können wir uns manchmal unsere eigenen Fehler verzeihen. Genau das aber macht uns dann auch hart und unbarmherzig anderen gegenüber…

Darum ist es so wichtig, wenn Jesus uns heute daran erinnert, dass Gott uns barmherzig anschaut. Dass Gott uns nicht fertig macht und verurteilt für unsere Fehler, die uns passieren. Dass Gott uns nicht verdammt für unsere Schwächen, für unser Scheitern, für das, was uns nicht gelingt. Und genau so sollen wir deshalb auch mit unseren Mitmenschen umgehen.

Jesus will, dass wir lernen, einander anzunehmen, so wie wir sind. Dazu gehört auch so etwas wie eine Kultur der Fehlerfreundlichkeit: ja, Fehler dürfen sein! – in einer christlichen Gemeinde erst recht.

 

Das muss nicht heißen, dass man sich alles gefallen lässt. Das muss nicht heißen, dass ich mich niemals ärgere, wenn mir etwas gegen den Strich geht. Das muss nicht heißen, dass ich nicht manchmal Verhaltensweisen kritisiere oder auch ganz klar anprangere, wenn es sein muss. Aber die Barmherzigkeit soll dabei niemals auf der Strecke bleiben.

 

Barmherzigkeit – da steckt das Wort „Herz“ drin:

ein Herz haben für die Not von Menschen,

ein Herz haben für die Fehlbarkeit von Menschen,

ein Herz haben für die Verzweiflung von Menschen.

Ein Herz haben aber auch, das ehrlich ist mit sich selbst.

Das mir erlaubt, den Balken in meinem Auge wahrzunehmen,

bevor ich mich auf den Splitter im Auge von Anderen stürze.

Das mich daran erinnert:

auch du hast hin und wieder schon  einen kapitalen Bock geschossen,

auch du kennst Situationen, in denen du versagt hast

und am liebsten in den Boden versunken wärst:

auch du hast schon öfter vorm leeren Tor gestanden und daneben geschossen.

 

Manchmal ist es heilsam, daran erinnert zu werden:

auch ich  bin angewiesen auf Vergebung,

auch ich bin angewiesen auf Barmherzigkeit!

Darum: seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist!

 

Predigt zum Karfreitag 2015

„Nur der leidende Gott kann helfen“ (Dietrich Bonhoeffer)

Liebe Gemeinde,

„... wir sollten uns nur dort finden lassen, wo Christus ist.“ Das schrieb Dietrich Bonhoeffer im Juni 1939 in sein Tagebuch. Er war auf dem Weg in die USA. Ein Weg in die Sicherheit. Amerikanische Freunde hatten ihn eingeladen, den streitbaren Pfarrer der Bekennenden Kirche, der sich offen gegen Hitler aussprach. Sie wollten ihn vor der Verfolgung durch die Nazis retten. Einige Wochen später aber war Bonhoeffer wieder zurück in Deutschland. Er wollte sein, wo Christus für ihn war. Bonhoeffer hat sich überreden lassen - nicht von Men-schen -  sondern von Gott. „Man kann sich den Ort der Gegenwart Christi nicht beliebig aussuchen“ – das war seine tiefe Überzeugung. „Wer sich einmal auf Gott einließ, wer sich einmal von ihm überreden ließ, der kommt nicht mehr los“, schrieb Bonhoeffer schon 1934. „Wie ein Kind nicht mehr loskommt von seiner Mutter.“

Dabei war er immer wieder unsicher, ob er den richtigen Weg ging. Oft war er auch verzweifelt. „Von Gott nicht mehr loskommen, das bedeutet viel Angst“, schreibt er. Aber es „bedeutet doch auch, im Guten und im Bösen nie mehr gottlos sein können. Es bedeutet: Gott mit uns auf allen unseren Wegen ... in Verfolgung, Verspottung und Tod.“ „Wir sollten uns nur dort finden lassen, wo Christus ist.“ Bonhoeffers Weg an der Seite Christi führte ihn an den Galgen. Vor 70 Jahren, am 9. April 1945, wurde er im Konzentrationslager Flossenbürg hingerichtet.

In der Nachfolge Jesu hat Dietrich Bonhoeffer damals sein Kreuz auf sich genommen. Bewusst. Denn seine Überzeugung war: „Das Leiden muss getragen werden, damit es vorübergeht. Entweder die Welt muss es tragen und daran zugrundegehen, oder es fällt auf Christus und wird in ihm überwunden. Gott ist ein Gott des Tragens.“

Gott ist ein Gott des Tragens. Das wird darin deutlich, dass er sich in Christus in unser Leiden hinein begibt.  Gott leidet mit uns unsere Not. Das ist die eine Dimension, um die es an Karfreitag geht. Gott geht zu den Menschen in ihrer Not. Und Menschen gehen zu Gott in ihrer Not. Wir sind gewohnt, uns gerade dann an Gott zu wenden und ihm unser Leid zu klagen, wenn uns Schweres widerfährt.  Dabei dachte Bonhoeffer gar nicht zuerst an sein eigenes Leid. In einem seiner Gefängnisbriefe schrieb er : „Zum zweiten Mal erlebe ich die Passionszeit hier [im Gefängnis]. Ich wehre mich innerlich dagegen, wenn ich in Briefen Wendungen lese, die von meinem »Leiden« sprechen. ..Ob ich mehr »leide« als die meisten Menschen heute überhaupt, ist mir mehr als fraglich. Natürlich ist vieles scheußlich, aber wo ist es das nicht?... Ich glaube z. B., dass zum »Leiden« entscheidend auch das körperliche Leiden hinzugehört. Wir betonen so gern das seelische Leiden; gerade dieses aber sollte uns Christus abgenommen haben... Nein, Leiden muss etwas ganz anderes sein, eine ganz andere Dimension haben, als was ich bisher erlebt habe.«

Die andere Dimension, von der Bonhoeffer spricht, sieht im Leiden dieser Welt ist nicht nur unser, sondern auch Gottes Leiden!  In dem Gedicht  das wir eingangs gehört haben, hat Bonhoeffer versucht auch das auszudrücken. Er dreht die gewohnte Perspektive um:  Nicht nur dass Menschen zu Gott gehen in ihrer Not. Und nicht nur, dass Gott zu allen Menschen geht in ihrer Not. Sondern es muss auch Menschen geben, die zu Gott gehen in Seiner Not -  die an seinem Leiden in der Welt teilhaben. Die es aushalten, dass Gott in unserem Leben gar nicht mehr vorzukommen scheint – dass Gott keinen Raum mehr hat in unserer Welt. Und Bonhoeffer geht sogar noch weiter: „Der Gott, der mit uns ist, ist der Gott, der uns verlässt... Gott lässt sich aus der Welt herausdrängen ans Kreuz, Gott ist ohnmächtig und schwach und nur so ist er bei uns und hilft uns...“

Nur der leidende, ohnmächtige und schwache Gott kann helfen – eigentlich ein Widerspruch in sich selbst. Erwarten wir nicht, dass Gott über allem Leiden steht? Dass er eingreift und Leid verhindert. Aber während wir noch fragen, warum lässt Gott so etwas zu, diesen schrecklichen Flugzeugabsturz, diese schlimme Krankheit, diesen barbarischen Terror, oder diesen plötzlichen Tod eines Menschen – ist Gott längst selbst mitten unter den Leidenden. Gott leidet nicht nur mit uns mit, sondern er setzt sich selber dem Leiden aus.  Dafür steht das Kreuz Jesu, dafür steht sein Leiden und Sterben.

Und so versteht Dietrich Bonhoeffer das "Für uns gestorben", das im Zentrum der Botschaft vom Karfreitag steht: Nicht ein Gott, der über allem trohnt, und mitleidig auf uns herabsieht. Nicht ein Gott, der ein Opfer braucht für unsere Sünden.  Sondern der, der in Christus unsere Not und unsere Ohnmacht leidet, kann uns helfen. Denn indem er das Leid mit uns und für uns trägt, verwandelt es sich. „In Niedrigkeit und Gottverlassenheit erkennt der Glaube die Kraft der Nähe Gottes“, schreibt Bonhoeffer. Und in dieser Kraft war  es ihm möglich, dem Leiden standzuhalten. In seiner Gefängniszelle hat er erfahren: Was uns freimachen kann von unserer Angst, ist der Glaube an Gott, der mit uns leidet.

Für Bonhoeffer waren das nicht nur abstrakte Worte. Sondern es war existenzielle Erfahrung und gelebter Glaube. In seiner aussichtslosen Situation hatte er nur die Möglichkeit, sich entweder aufzugeben, oder Christus in die Arme zu werfen. Er hat sich für Letzteres entschie-den. Denn seine Zuversicht war: „eben dort, wo das Kreuz steht, ist die Auferstehung nah. Eben dort, wo alle an Gott irre werden, wo alle an Gottes Macht verzweifeln, da ist Gott ganz, da ist Christus lebendig nahe. Wo es auf des Messers Schneide steht, ob man abtrünnig wird oder treu bleibt, dort ist Gott, ist Christus ganz.“

In dieser Zuversicht ist er seinen Weg zuende gegangen. Am 9. April 1945 wurde Dietrich Bonhoeffer getötet. Am Weißen Sonntag saß er mit ein paar Mitgefangenen in einem alten Schulhaus im Bayerischen Wald. Wo genau, wussten sie nicht. Vor sich aufgeschlagen die Tageslosung. Einer, der dabei war und überlebte, erinnert sich: »Und dann legte der Pastor die Verse aus. Keiner wisse, was kommt …, so seine Worte. Aber zu feiern, würde es für den Tod nicht viel geben, denn es sei da einer, der sich aufge­macht habe, die Siegesfeier des Todes zu verhindern …« Am Morgen darauf, zwischen 5 und 6 Uhr, wurden Diet­rich Bonhoeffer und die anderen Mitverschwörer in Flossenbürg aus den Zellen geführt und zum Richtplatz gebracht. Einem engli­schen Mitgefangenen, flüsterte er  ins Ohr: »Für mich das Ende. Und doch auch Anfang.“  Vom damaligen Lagerarzt wurde viele Jahre später eine Notiz bekannt: »Noch an der Richtstätte verrichtete er ein kurzes Gebet und bestieg dann die Treppe zum Galgen. Der Tod erfolgte nach wenigen Sekunden. Ich habe in meinem Leben noch keinen so gottergeben sterben sehen …«

Dietrich Bonhoeffer hat sich an seine eigenen Worte gehalten und da finden lassen, wo Christus ist. Sein Lebenszeugnis ist und bleibt bis heute eine Herausforderung, aber auch eine Ermutigung für uns. Wir müssen nicht den gleichen Weg gehen wie er – Gott sei Dank. Aber wir können vielleicht hier und da auch in den Schrecknissen unserer Zeit den leidenden Gott aufspüren, der helfen kann. Ebenso dürfen wir aus Bonhoeffers Beispiel auch Hoffnung schöpfen, dass wir aus Zeiten des Leidens gestärkt hervorgehen können – und dass unsere Wege am Kreuz nicht enden, sondern durch Leiden und Kreuz hindurch führen.

 

Ulrich Schaffert

Predigttext: Phil. 2, 5-11

Liebe Gemeinde,

dieser Sonntag heute, der Palmsonntag, ist von seinem Charakter her ein Tag voller wider-strebender Gefühle. Auf der einen Seite hören wir an diesem Tag von dem jubelnden Emp-fang, der Jesus bei seinem Einzug in Jerusalem von den Menschen bereitet wurde.  So, wie heutzutage ein Olympiasieger gefeiert wird, wenn er vom Wettkampf zurückkehrt, so ließen die Menschen damals Jesus hochleben. Sie standen reihenweise am Straßenrand und schwenkten ihre Palmzweige als Zeichen der Begeisterung. Und sie gaben damit zugleich ihrer Hoffnung auf Veränderung und Befreiung Ausdruck. „Yes-we-can“-Stimmung also, wie bei Barak Obama vor einem Jahr, als er von einer Welle der Begeisterung ins Präsidentenamt getragen wurde.

Aber schneller noch als bei Barack Obama ist damals die Begeisterung für Jesus der Ent-täuschung gewichen. Auf die Hosianna-Rufe folgten nur wenig später schon die Rufe: „Kreu-ziget ihn!“ Und genau das macht die Zwiespältigkeit dieses Palmsonntages aus. Denn mit diesem Sonntag beginnt die Karwoche, in der die Leidensgeschichte Jesu auf ihren Höhe-punkt zusteuert. Statt  die erhoffte Wende herbei zu führen, wird Jesus dem Tod ausgeliefert. Statt ganz oben auf der Erfolgsleiter zu stehen, landet er ganz unten, im Abgrund, am Kreuz. Helden sehen anders aus…

Der heutige Predigttext stellt uns diesen Weg Jesu von oben nach ganz unten dennoch als vorbildhaft vor Augen. Wir haben den Predigttext im Eingangsteil des Gottesdienstes bereits kennengelernt. Es ist der so genannte Christushymnus im Philipperbrief, Kap. 2, einer der frühesten Texte des neuen Testaments:

[5] Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht: [6] Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, [7] sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. [8] Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. [9] Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, [10] dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, [11] und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.

Liebe Gemeinde,

dieser Text stellt eigentlich alles auf dem Kopf, was in unserer Gesellschaft üblicherweise  gilt. Denn diejenigen, an denen wir uns normaler Weise orientieren, das sind doch die Aufsteiger, die die Karriereleiter hinauf klettern. Die Erfolgreichen, die Gewinner, die Siegertypen – denen versucht man normaler Weise doch nachzueifern, vor allem als junger Mensch. Deutschland sucht den Superstar, Gemany`s next Top-Modell, die Weltmeister und Olympiasieger – das sind die Vorbilder unserer Zeit, darunter machen wir es doch kaum noch.

Und hier begegnet uns nun der absolute Gegenentwurf: die Geschichte eines „Absteigers“,  – eines, der die Karriereleiter nicht nach oben, sondern nach unten geklettert ist, und das auch noch freiwillig. Wie uncool! Und dabei hätte er es gar nicht nötig gehabt. Hätte sich wunderbar raushalten können aus allen Unannehmlichkeiten des Lebens. Hätte sich als der absolute Supermann fühlen können, der über allem steht, dem niemand etwas anhaben kann. Mit göttlicher Macht, mit göttlichen Eigenschaften ausgestattet – da ist man doch fein raus! Da kann man sich doch das ganze Treiben der Menschheit gemütlich aus der Ferne, von oben anschauen. Ja, er hätte sich etwas einbilden können, dieser Jesus, auf seine göttliche Gestalt. Er hätte überheblich oder auch mitleidig auf uns herab schauen können, wie wir uns abmühen, ein halbwegs gescheites Leben zu führen. Er hätte sich den irdischen Problemen und Schwierigkeiten, mit denen wir es tagtäglich zu tun haben, locker entziehen können. 

Aber er hat es nicht getan. „Er hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein“ – so sagt es unser Text. D.h. er hat es nicht festgehalten wie eine Beute, an die man sich klammert, wenn man sie einmal ergattert hat. Sondern im Gegenteil: er hat sich selbst entäußert, d.h. er hat seine Gottgleichheit abgelegt: wie ein König, der seine prachtvollen Gewänder ablegt und gegen armselige Lumpen eintauscht, und sich unter die einfachen Leute mischt. Er nahm die Gestalt eines Knechtes an, eines Arbeiters, eines Arbeitslosen, eines Harz-IV-Empfängers, würden wir heute vielleicht sagen – jedenfalls eines, der es nicht leicht hat im Leben. „Er wurde ein Mensch“, wie du und ich. Und der Predigttext betont: er hat sich nicht etwa nur verkleidet als Mensch, und ist in Wirklichkeit weiter göttlich geblieben. Nein – er ist wirklich durch und durch Mensch geworden. Ein Mensch aus Fleisch und Blut, in nichts mehr zu unterscheiden von jedem anderen Menschen: verletzbar, verwundbar und sterblich, wie wir alle. 

Wie gesagt: nach unseren heutigen Maßstäben eigentlich ganz schön dumm. Denn wer gibt schon freiwillig das auf, was er hat. Wenn ich mit Privilegien geboren bin, weil ich eben das Glück hatte, reiche Eltern zu haben, oder ein gebildetes Elternhaus – dann werde ich das doch nicht einfach preisgeben. Dann werde ich doch alles tun, um das, was ich den anderen voraus habe, festzuhalten, oder etwa nicht? Von Jesus aber heißt es, dass er das Gegenteil tat. Und sogar noch mehr: er erniedrigte sich selbst und wurde gehorsam bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz. Soweit ist er also mit seinem Weg der Hingabe und der Selbstaufgabe gegangen. Sein Weg von ganz oben nach ganz unten endete dort: an dem Ort, an dem damals Verbrecher hingerichtet wurden.

Das alte Christuslied ist hier allerdings noch nicht zu Ende. Sondern es geht noch weiter. Und zwar so, dass es da plötzlich in dieser Abstiegsgeschichte von Jesus Christus einen unerwarteten Wendepunkt gibt. Eingeleitet wird diese Wende mit dem Satz: „Darum hat ihn auch Gott erhöht.“ Was ist da passiert? Wie mit einem Aufzug,  so ein Bild kommt mir jetzt, ist der, der da diesen Weg nach ganz unten gegangen ist, bis zum Tod am Kreuz - auf einmal, wieder nach ganz oben gehievt worden. Gott selbst, sagt das alte Lied, hat ihn von dort unten wieder herauf geholt. Warum? Weil er gehorsam geblieben ist. Weil er auf seine innere Stimme gehört hat. Weil er den Weg gegangen ist, den Gott ihm bestimmt hat: den Weg zu den Menschen, den Weg der Hingabe, den Weg der mitleidenden Liebe, die nicht den eigenen Vorteil, sondern das Heil der anderen sucht. Darum also hat Gott ihn erhöht, so paradox es auch klingen mag: weil er darauf verzichtet hat, Gott gleich zu sein; weil er darauf verzichtet hat, sich selber zu inszenieren; weil er darauf verzichtet hat, sich selber einen Namen zu machen. Darum hat Gott ihm einen Namen gegeben, der über alle Namen ist: über Coca Cola, über Mc Donalds, über Nike, über Microsoft, über Google. Über die Namen auch der Karrieremänner und –frauen, der vermeintlichen Sieger, der Mächtigen dieser Welt.  

Jetzt ist wohl auch den meisten von uns klar, was dieses alte Christuslied in diesen wenigen Sätzen beschreibt. Es ist die ganze Geschichte Jesu, mit all den Stationen, die wir in der ersten Hälfte des Kirchenjahres feiern: seine Menschwerdung im Stall von Bethlehem, von der wir an Weihnachten hören - sein Leidensweg, an den wir uns in der Passionszeit erinnern – seine Auferstehung, die wir an Ostern besingen – und seine Erhöhung zu Gott, die wir an Himmelfahrt erinnern. Von ihrem Ende her betrachtet ist diese Geschichte also dann doch nicht mehr nur die Geschichte eines freiwilligen Absteigers. Sondern es ist zugleich die Geschichte von einem, der auf eine uns völlig unbegreifliche Weise gerade dadurch zu Gott aufsteigt, dass er konsequent den Weg nach unten geht: seine Macht und seine Privilegien abgelegt und sich ganz in den Dienst der Menschen stellt - sich nicht zu schade ist, den Niedrigen und Schwachen nahe zu kommen, ja sogar: einer von ihnen zu werden. Das alte Christuslied sagt uns, dass dieser Jesus, der seine Königskleider gegen Lumpen eingetauscht und sich selbst zu einem Diener erniedrigt hat, nicht im Tod geblieben ist, auch wenn er wie ein Verbrecher sterben musste am Kreuz. Mit seinem Durchhalten bis zum bitteren Ende hat er vielmehr gezeigt, dass die Liebe stärker ist, als der Tod. Darum hat Gott ihn erhöht. Und darum bekennen wir uns zu ihm, darum stellen wir seinen Namen über alle anderen Namen. Darum geben wir Gott die Ehre, der diese wundersame Wende herbeigeführt hat – der das scheinbare Scheitern des mensch-gewordenen Sohnes in einen Sieg, in einen neuen Anfang verwandelt hat. Am Ende dieser Geschichte haben also doch wieder Freude und Jubel die Oberhand. Auch wenn sie jetzt, zu Beginn der Karwoche, noch nicht dran sind. Denn zuerst müssen wir in dieser Woche den Weg Jesu nach ganz unten mitgehen.  Wenn wir den mit vollzogen haben - dann werden wir auch Anteil haben werden an dem zweiten Teil dieses Weges: an der Erhöhung Jesu zu Gott, und an dem Durchbruch des neuen Lebens aus dem Tod, das wir an Ostern feiern dürfen. 

Und so können wir jetzt vielleicht auch besser die Ermahnung verstehen, die der Apostel Paulus diesem alten Christuslied voranstellt: Seid untereinander so gesinnt, wie es der Gemeinschaft in Jesus Christus entspricht. Worum es Paulus hier geht, ist eine bestimmte Grundhaltung - eine Gesinnung, die sich aus dem Vorbild und der Geschichte von Jesus Christus ableiten lässt für den Umgang untereinander und mit anderen. So wie Jesus seine Privilegien abgelegt hat und sich den Menschen ganz unten zugewandt hat, so sollen auch wir in unserem Miteinander davon absehen, uns an Privilegien zu klammern oder bei dem, was wir tun, unsere Person in den Vordergrund zu stellen. Zu der Gesinnung, die der Gemeinschaft in Christus entspricht, gehört der Anspruch, dass es bei uns anders zugehen muss, als in vielen Bereichen der Gesellschaft, wo der Ellenbogen das wichtigste Kör-perteil ist, um weiter zu kommen und sich nach oben durchzuboxen; anders als in der Politik, wo immer wieder mancher zuerst seine eigenen Schäfchen ins Trockene bringt, sobald er einen guten Posten bekommen hat, oder bevorzugt seine Freunde und Verwandte versorgt; anders auch als sonst wo in der Welt, wo einer den anderen niederdrückt und die Mächtigen ihre Völker niederhalten.

„So soll es nicht sein unter euch“, sagt Jesus an anderer Stelle, „sondern wer groß sein will unter euch, soll euer Diener sein, und wer unter euch der erste sein will, der soll allen ein Knecht sein.“ Genau darum geht es auch Paulus hier: unser Leben nach dem Vorbild Jesu auszurichten, bedeutet, es in den Dienst der  Gemeinschaft stellen: nicht größer, wichtiger sein zu wollen, als andere, sondern einfach da zu sein für die, die uns brauchen - Rücksicht aufeinander zu nehmen - einander mit Wertschätzung zu begegnen. So, denke ich, sieht die Gesinnung aus, die der Gemeinschaft in Jesus Christus entspricht.  Oder so, wie es ein altes Spiritual besingt: „I want to be like Jesus in my heart“ – „Ich möchte in meinem Herzen wie Jesus sein“! Ja, nichts anderes ist es, wozu uns unser Predigttext heute anstoßen will. „I want to be like Jesus in my heart“ In den nächsten Tagen und Wochen können wir diese Haltung oder Gesinnung vertiefen, wenn wir gemeinsam in der Gemeinde den Weg Jesu nachvollziehen – nach ganz unten zum Kreuz und wieder hinauf zu Gott.

 

 

Ulrich Schaffert

Heilig Abend 2014

Liebe Weihnachtsgemeinde,

in diesem Jahr feiern wir Weihnachten in unserer Gemeinde sozusagen auf gepackten Kisten.

Drüben auf dem Kirchplatz wartet auf uns ein neues Haus, das eigentlich fertig sein sollte, aber noch nicht fertig ist. Wie es halt so ist mit Neubauten:  nicht alles lief nach Plan. Und nun ist eben alles halbfertig liegen geblieben.

Vielen von uns, von Euch wird es zuhause nicht viel anders gegangen sein. Was wollten wir alles noch machen und fertig kriegen vor Weihnachten. Die Wohnung aufräumen. Die Geschenke einpacken. Die Weihnachtsgrüße schreiben. Aber am Ende hat die Zeit dann doch nicht gereicht, um alles zuende zu kriegen…

Jetzt ist Weihnachten da.

Und plötzlich lässt der Druck der letzten Tage und Wochen nach.
Was wir geschafft haben, haben wir geschafft.

Und was wir nicht geschafft haben, kann warten.

Jetzt ist Zeit zur Ruhe zu kommen, den Alltag zu unterbrechen.

Jetzt ist Zeit, für ein paar Tage die Gedanken abzuschalten,

Jetzt ist Zeit sich auf das zu besinnen, worum es an Weihnachten geht.

Hier in der Kirche ist ein guter Ort dafür.

Das Licht der Kerzen wärmt uns, die schönen Weihnachtslieder bringen uns runter

von unseren Alltagsgedanken und -sorgen. Wir spüren: heute ist etwas anders wichtig.

Das Leben ist erschienen. Gott selber ist erschienen. In einem Kind, das geboren wird.

Ist das nicht Grund genug, alles liegen und stehen zu lassen?

Nicht anders ist es ja auch Maria und Josef ergangen.

Auch sie mussten alles liegen und stehen lassen damals. Der Kaiser hatte es befohlen.

Sie hatten keine andere Wahl, als sich auf den Weg zu machen nach Bethlehem.

Nichts war dort vorbereitet für sie:  kein Bett, kein Dach über dem Kopf.

Vergebliches Klopfen an die Türen. Niemand, der oder die sie willkommen hieß.

Kein Raum in der Herberge. Wo sollten sie hin?

Die Weihnachtsgeschichte führt uns gleich zu Beginn mitten hinein in unsere heutige Zeit.

Auch heute kommen Menschen zu uns auf der Suche nach Schutz und Geborgenheit.

Und viele leben schon lange als Fremde bei uns. Manchen Menschen macht das Angst – merkwürdiger Weise anscheinend besonders dort, wo am wenigsten Leute mit fremder Herkunft wohnen. Aber viele Andere zeigen, wie es gehen kann -  gehen auf Fremde zu und helfen ihnen, sich in der neuen Umgebung zurechtzufinden. Durch direkte Begegnung bekommen die Fremden ein Gesicht, verlieren ihre Bedrohlichkeit. So haben wir es in diesem Jahr mit der Gruppe von afrikanischen Flüchtlingen erfahren, um die wir uns intensiv gekümmert haben. So erleben wir es tagtäglich auch im Kindergarten, wo so viele unterschiedliche Kulturen aufeinander treffen

Die Weihnachtsgeschichte weist uns in die gleiche Richtung. Sie bedient nicht die Ängste der besorgten  Bürger von Bethlehem, die Maria und Josef trotz deren bedrängter Situation die Tür weisen.  Sie lenkt vielmehr unseren Blick auf den Stall und die Krippe, also auf die Notunterkunft, in der Jesus  geboren wurde. An Orten wie diesem, so lautet die Botschaft, will er sich auch heute finden lassen. Wer das nicht wahrhaben will, verpasst den Kern des Weihnachtsfestes und kann sich das demonstrative Absingen von Weihnachtsliedern sparen.

Um das zu unterstreichen, rückt die Geschichte noch eine zweite Gruppe von Menschen in den Fokus: die Hirten, die vor den Toren Bethlehems ihre Schafe hüten. Ausgerechnet die Hirten: Leute, die nichts galten, die arm und ungebildet waren, und als wertlos verachtet wurden – ausgerechnet sie erfahren in der Nacht als erste die wunderbare Botschaft: Freut euch – denn euch ist heute der Heiland geboren. Ihnen öffnet sich in dieser Nacht der Himmel, den die Engel mit ihrem Licht erfüllen.

Ein Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht: das ist es, was die Hirten in dieser Nacht erfahren. Und das ist es, was auch wir an Weihnachten erleben dürfen, wenn wir uns im Herzen zu ihnen gesellen. Wenn wir unsere eigenen Dunkelheiten zulassen. Wenn wir alle unsere Sorgen und Ängste vor der Zukunft dorthin tragen zum Hirtenfeld. Das, was uns persönlich beunruhigt. Das, womit wir nicht fertig geworden sind. Alles, was uns manchmal niederdrückt und traurig macht. Aber auch das, was uns im Blick auf das Weltgeschehen im zuende gehenden Jahr aufgewühlt hat: unser Erschrecken über so viel Unfrieden und Gewalt, wie wir sie in den Nachrichten erlebt haben und immer wieder erleben…

Es ist ja wahr: wir haben tatsächlich manchen Grund, uns zu fürchten. Die sich zuspitzenden Konflikte in unserer Welt lassen uns nicht unberührt. Sie rücken bedrohlich nahe und wirken sich aus auf unser Lebensgefühl. Dass wir manchmal Angst haben, ist nur zu verständlich. Nur sollten wir diese Angst nicht gegen diejenigen richten, die bei uns Zuflucht suchen. Und auch nicht gegen Menschen anderer Herkunft und anderen Glaubens, die schon lange hier sind und mit uns leben. Vielmehr sollten wir uns an der Seite der Hirten an die Botschaft der Engel halten, die da lautet: „Fürchtet euch nicht!“  

„Fürchtet euch nicht“ - so rufen es die Engel den Hirten, und heute auch uns, aus dem erleuchteten Nachthimmel von Bethlehem zu.  Lasst euch nicht von der Angst bestimmen,  wie berechtigt sie manchmal vielleicht auch sein mag. Und lasst euch von euren Ängsten nicht dazu hinreißen, anderen Angst zu machen. Denn seit jener Nacht in Bethlehem gibt es dazu keinen Grund mehr  – im Gegenteil, die Botschaft von Weihnachten lautet so: „Siehe, ich verkündige euch große Freude, die euch und allem Volk widerfahren wird! Denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus in der Stadt Davids“.

Große Freude – liebe Gemeinde, das ist es, was uns an Weihnachten zugesagt wird. Freude, die nicht nur uns, sondern allem Volk widerfahren soll. Niemand soll ausgeschlossen sein von dieser Freude, jeder und jede soll daran teilhaben dürfen. Das ist das Signal, das von Weihnachten ausgeht. Denn mitten in unsere Angst hinein, mitten in unseren Unfrieden, mitten in unsere Sorgen und Nöte hinein wird Christus geboren.  Mitten in unsere Dunkelheit hinein kommt Gott selber zu uns und erleuchtet die Welt mit seinem Licht. Die Traurigen werden getröstet. Gebeugte aufgerichtet. Verzweifelte dürfen neue Hoffnung schöpfen.  Das ist die Botschaft von Weihnachten: nicht das Fürchten will uns Gott lehren, sondern die Freude.

Und das Zeichen dafür ist ein Kind, in Windeln gewickelt. Ein Kind, das in einem Stall geboren wird. Ein Kind, das später ein Flüchtlingskind werden wird und mit seinen Eltern vorübergehend fliehen muss nach Ägypten. Dieses Kind ist das Lebenszeichen Gottes an uns. Das Zeichen dafür, dass Gott sich mit Haut und Haar in unser Leben hinein begibt. Das Zeichen dafür, dass Gott sich ganz, ganz klein macht und verletzbar: so wie es jeder und jede von uns ist. „Er ist auf Erden kommen arm, dass er unser sich erbarm“, so dichtet Martin Luther in seinem wunderschönen Weihnachtslied, das wir vorhin gesungen haben. Und der Apostel Paulus schreibt: er ist arm geworden, damit wir durch seine Armut reich werden. Reich werden können wir durch dieses Kind nicht an Besitztümern, sondern an Liebe, an Hoffnung, an Mitmenschlichkeit.

Die Hirten haben das verstanden. Sie haben alles liegen und stehen lassen und sind aufgebrochen zum Stall von Bethlehem. Sie haben begriffen: hier gibt es etwas zum Staunen, und hier gibt es etwas zu feiern - und sie wollten es mit eigenen Augen sehen: dieses Kind, von dem die Engel Gottes erzählt haben. Ihr armseliges Leben hat in dieser Nacht einen neuen, ungeahnten Glanz bekommen. Sie müssen sich nicht mehr an den Rand geschoben und wertlos fühlen. Im Gegenteil, sie werden die Botschaft von Weihnachten weitertragen in die Welt. Sie werden Gott loben und preisen für alles, was sie gehört und gesehen haben.

Das Kind in der Krippe, in dem Gott zu uns kommt, will unsere Augen wieder auf das Lebensnotwendige richten, auf das, was wir wirklich brauchen, um Mensch zu sein: ausreichend zu Essen und zu Trinken, Kleidung, Liebe, Wärme, Heimat, Geborgenheit und Frieden. Und das soll nicht nur einigen Wenigen zustehen, sondern allen Menschen auf dieser Welt.

 

 

Ulrich Schaffert

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